Positionspapier der AG „Workshops“ des Action Mond und Sterne

--- Wieso, weshalb, warum? ---

Im Folgenden sollen gemeinsame und teilweise auch verschiedene Positionen, die Resultat eines laufenden Diskussions- und Selbstverständigungsprozesses sind, benannt und ausgeführt werden.
„Wir“, das ist die AG „Workshops“, die sich im Vorfeld des Action Mond und Sterne um das Workshop-Programm kümmert.
Die AG besteht aus Einzelpersonen, teils aus dem Kreis der allgemeinen AMS-Orga, teils von außerhalb. Wir teilen das Interesse an linksradikalen Inhalten und die Einschätzung, dass das Action Mond und Sterne ein guter Ort ist, diese Inhalte kennen zu lernen, zu teilen und zu vertiefen.
Wenn es allerdings um konkrete Analysen und Kritiken geht, sind wir uns teilweise uneinig oder stehen an unterschiedlichen Punkten in der Auseinandersetzung.

Solche Differenzen (im Sinne von Verschiedenheit, aber auch im Sinne von Uneinigkeit) macht sich auch in der Gestaltung eines Workshopprogramms geltend. Es kommt vor, dass wir verschiedener Auffassung sind, wie interessant, kompliziert oder richtig die Inhalte bestimmter Workshops sind.
Unsere mitunter verschiedenen Auffassungen auszudiskutieren halten wir für einen Teil unserer Aufgabe als Workshop-AG.

Um diese Diskussionen besser führen zu können, erschien es uns angebracht, uns allgemeiner darüber zu verständigen, wo wir als Einzelpersonen inhaltlich stehen, d.h. wir wollten uns klar machen, welche grundlegende(n) Kritik(en) wir an dieser Gesellschaft haben, um besser zu verstehen, warum wir welche Workshops (nicht) wollen.

Bislang finden wir es den passendsten Weg dahin zu gelangen, an zentralen Punkten – die uns in Diskussionen immer wieder (als kontrovers) begegnen – auszumachen, was wir für Standpunkte haben und wo wir uns (un)einig sind.

Diese Verständigung sehen wir als laufenden Prozess. Wir selbst können dadurch einiges lernen und wir halten unsere Ergebnisse für interessant für Jede_n, der_die sich fragt, wie eigentlich der inhaltliche Rahmen aussieht, innerhalb dessen am Workshopprogramm für das Action Mond und Sterne gebastelt wird.

Im Folgenden kann mensch also nachlesen, zu welchen Themen wir nach aktuellstem Stand wie denken und streiten.
Die Liste wird fortlaufend ergänzt und bearbeitet.

--- Geschlechterverhältnis ---
In dieser Gesellschaft steht die Sortierung jeder_s einzelnen in eine der beiden Kategorien „Mann“ und „Frau“ spätestens ab der Geburt fest. Es ist auch jedem_r klar, dass da mehr dranhängt, als welche Rolle jemand – vielleicht – hinsichtlich der Fortpflanzung spielen kann. Mit dem Geschlecht sind bestimmte Bilder, Anforderungen und Erwartungen an den_die einzelne_n verknüpft. Diese sind nicht nur meist unzutreffend und falsch, sondern viel zu oft gewaltförmig und brutal. Trotzdem kann die_der einzelne ihr_sein Geschlecht nicht einfach dankend ablehnen¹, wenn es ihr_ihm Leid, Unbehagen oder schlicht keine Freude bereitet. Auch ist nicht absehbar, dass die Kategorie des Geschlechts – trotz allen Wandels der Rollenbilder – ihre prinzipielle Geltung verliert.
Bei „Geschlecht“ handelt es sich also um eine Essentialisierung: Es wird sich ein männliches und ein weibliches „Wesen“ vorgestellt, das bestimmte Eigenschaften, Interessen, Willensinhalte, Fähigkeiten etc. hervorbringen soll. Darauf seinen Männer und Frauen – jenseits und vor ihrem Willen – entweder durch Biologie oder durch Sozialisation festgelegt.

In den Bildern von „Mann“ und „Frau“ sind die Geschlechter einerseits gegensätzlich, und ergänzen sich andererseits. Was ein Geschlecht ausmacht, ist also immer in Abgrenzung zum anderen Geschlecht bestimmt. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich, dass die Kategorie „Frau“ ist als Abweichung vom „Mann“ bestimmt ist. Die Kategorie „Mann“ hingegen gilt als das Normale, das Allgemeine, als Inbegriff des bürgerlichen Subjekts, und lebt daher von der Abgrenzung gegen das Nicht-männliche. Es handelt sich also um ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis.
Deswegen sprechen wir auch vom Patriarchat – nicht in dem Sinne, dass alle Männer herrschen würden, sondern dass sich der männliche Blick auf die Welt ganz selbstverständlich als allgemeiner Standpunkt behauptet.
Das erscheint in den meisten Fällen als Gegenüberstellung des männlichen Wesens als aktiv und des weiblichen Wesens als passiv. Damit ist auch schon ein Hinweis darauf gegeben, warum die Unterordnung einer Frau unter einen Mann niemanden überrascht, im umgekehrten Fall aber die Reaktion von Verwunderung, über besondere Anerkennung bis Empörung reicht: „Was die als Frau leistet“ ist der Standpunkt der Bewunderung; aus „Was die sich da rausnimmt“ spricht Empörung. Sehr verschiedene Werturteile, denen aber eines gemeinsam ist: Es wird eine Abweichung davon festgehalten, wie sich Frauen eigentlich vorgestellt werden.
Der Mann wird ganz selbstverständlich als denkend und handelnd vorgestellt, der sich Zwecke setzt und sich die Welt untertan macht. Die Frau wird sich entweder als die vorgestellt, deren Aufgabe bloß darin besteht, dem Mann dafür dienstbar zu sein und ihm den Rücken freizuhalten. Oder sie soll sich zusätzlich in männlichen Sphären beweisen, wobei schon immer die Frage im Raum steht, ob sie dazu auch das Zeug hat.

Wenn man sich erklären will, wie das aktuelle Geschlechterverhältnis funktioniert und worin es seine Festigkeit hat, kommt man nicht umhin, die Geschlechterrollen hinsichtlich der verschiedenen Bereiche der Gesellschaft näher zu untersuchen. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf den Zusammenhang zur Funktionsweise der modernen, staatlich verfassten, kapitalistisch-demokratischen Gesellschaft. Das heißt nicht, auf Biegen und Brechen einen Zusammenhang zu den Prinzipien von Staat und Kapital herbeizukonstruieren. Wenn an der Frage der durchschnittlichen Schlechterbezahlung von Frauen (gender gap) die unternehmerische Rechnung und die staatlichen Maßnahmen der Bevölkerungs- und Familienpolitik sowie der Frauenförderung unmittelbar vorkommen, dann gilt es eben das zu untersuchen.

Wir würden uns das wir folgt erklären:
Menschen müssen geboren, umsorgt und betreut werden, damit sich die Gesellschaft reproduzieren kann. Die dazu notwendigen Tätigkeiten leisten aber keinen unmittelbaren Beitrag zur kapitalistischen (Mehrwert)Produktion. Es scheint nur historisch erklärbar, dass bis heute diese reproduktiven Tätigkeiten immer Frauen zugewiesen wurden, um durch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit ihren Beitrag zum Erhalt der Gesellschaft zu leisten.
Aus Sicht des Kapitals ist die prinzipielle Zuständigkeit von Frauen für die Reproduktionsarbeit ein Abschlag ihrer Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt. An die kapitalistische Arbeitskraft werden nämlich hohe Anforderungen gestellt: Arbeiter_innen sollen ständig verfügbar sein, eine kontinuierliche Erwerbsbiografie vorweisen und stets voll konzentriert sein.
Die bloße Möglichkeit, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes eine Weile nicht arbeiten und sich stattdessen der Kindererziehung widmen gilt da als besonderes Risiko, ebenso wie der Verdacht, dass die Frau* zu Hause bleibt, wenn ein Kind krank wird.
Das Kapital verzichtet aber nicht einfach auf die Arbeitskraft von Frauen, sondern reagiert mit niedrigeren Durchschnittslöhnen für Frauen. Andrerseits wissen Unternehmer_innen diese ökonomische Rollenzuteilung in ihrem Interesse zu nutzen und fördern den Erhalt niedrigerer Löhne. Damit ist das bestehende Verhältnis eben auch zu einem Gutteil Ideologie und politisch gewollt.

An anderer Stelle anders: Die Erklärung der überwiegend männlichen sexuellen Gewalt verweist im Ausgangspunkt auf ein bestimmtes männliches Anspruchsdenken gegenüber Frauen. Da auch das nicht einfach der Natur entspringt, muss der Grund in der subjektiven Verarbeitung der gesellschaftlichen Verhältnisse, also auf dem Feld der Ideologie, zu finden sein.

Ausgangspunkt und Motiv unserer Kritik des Patriarchats sind also die alltäglichen Beschädigungen, die sich aus der Einordnung in das Geschlechterverhältnis ergeben. Wir denken dabei an:

- Die Sphäre der Ökonomie: Frauen werden, bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation durchschnittlich schlechter bezahlt, Frauen haben schlechtere Aufstiegschancen in Job, außerdem sind Frauen in schlechter bezahlten Berufen überdurchschnittlich vertreten.
- Die Sphäre der Reproduktion: Frauen übernehmen den Großteil der Hausarbeit, der Kindererziehung und Sorgearbeit. Populärster Ausdruck dessen ist die „Doppelbelastung“, also die Frage, ob Job und Familie für Frauen vereinbar sind. Viel zu oft sind Frauen auch heute noch
- Sexuelle Gewalt / Übergriffe: Von sexistischen Sprüchen über Arschgrapschen und männliches Anspruchsdenken bis zur Vergewaltigung in und außerhalb der Beziehung: Sexuelle Gewalt ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
- Männlichkeit/Härte: Seinen Mann stehen müssen, sich also als Mann ständig beweisen müssen, nie Schwäche zu zeigen – auch das halten wir für eine Zumutung.

Diese Aufzählung ist nicht vollständig – und an den vielen Punkten haben nicht nur wir etwas auszusetzen: Kaum noch jemand verteidigt die Schlechterbezahlung von Frauen. Viele empfinden an den aufgeführten Punkten Beschädigungen – Die Frage ist nun zweierlei: Was genau wird als solche wahrgenommen? Wie wird es sich erklärt?
Während die populäre Forderung nach gleichem Lohn für Männer und Frauen auch damit zu erfüllen wäre, den Männerlohn zu senken, kritisieren wir, dass der Lohn ein schlechtes Mittel zum Leben ist – für Frauen wie für Männer
Während manche Männer sich selbst Vorwürfe machen, nicht ihren Mann zu stehen, Versager und Schlappschwänze zu sein, kritisieren wir den Maßstab der Männlichkeit, an dem sie sich messen und von anderen gemessen werden.
Während viele sexuelle Gewalt erst bei körperlichen Übergriffen entdecken, kritisieren wir das – durchgesetzte – männliche Anspruchsdenken auf den weiblichen Körper.

Beide Geschlechter versagen notwendig immer wieder an einem Maßstab, der ihnen vorgesetzt wird und an dem sie gemessen werden. Dafür erfahren sie soziale Sanktionierung. Diese soziale Sanktionierung, das Messen an einem ausgedachten Geschlechtswesen, die materiellen und immateriellen Schäden kritisieren wir.
Wir wollen Geschlechtsidentitäten aber nicht reformieren, umdefinieren oder erweitern, um sie angenehmer zu gestalten. Wir sind nicht konstruktiv, wir wollen Geschlechtsidentitäten überwinden.
In der Erarbeitung unserer Position als Workshop-AG haben wir die Erfahrung gemacht, dass es um die Kritik des Geschlechterverhältnisses am meisten Kontroversen gab – und wir sind mit der Diskussion noch lange nicht fertig. Eine wesentliche Schwierigkeit besteht darin, dass man beim Thema geschlechtliche Identität zum großen Teil auf dem Feld der subjektiven Verarbeitung ist.
Hier kann man nachvollziehen, welche Urteile in einer Aussage unterstellt sind, man kann sich die Lebensbedingungen der Subjekte anschauen, man kann versuchen, den ideologischen Gedankengang zu rekonstruieren, aber es lassen sich darüber keine allgemeinen Gesetze formulieren, da es keine Automatismen des Denkens gibt. Außerdem hat man ein weites Feld vor sich: Das Geschlechterverhältnis ist eine ziemlich allumfassende Konstante in den verschiedensten Lebensbereichen.

Unserem Diskussionsprozess und den methodischen Schwierigkeiten ist es geschuldet, dass wir im folgenden noch einige Gedanken in loserer Reihenfolge loswerden wollen:

- Das Prinzip des Kapitals bedarf nicht notwendig der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Allerdings ergibt sich aus dem Prinzip des Kapitals die Notwendigkeit von nicht-bezahlter, reproduktiver Arbeit. Es war historische Tat, diesen Bereich Frauen zuzuweisen, und dies als Wesenseigenschaft an ihnen festzumachen. Trotz aller Reformen und Wandlungen des Geschlechterverhältnisses in den letzten Jahrzehnten erfüllt die Frauenrolle nach wie vor diese Anforderung einer kapitalistischen Gesellschaft. Im Wandel der Geschlechterrollen entdecken wir daher keine Tendenz zu deren Aufhebung.

- Der Umsturz der kapitalistischen Produktionsweise hat nicht automatische die Abschaffung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses zur Folge. Wir sind uns darin einig, dass mensch sich die Kritik des Geschlechterverhältnisses explizit theoretisch wie praktisch zum Anliegen machen muss, um seine Abschaffung herbeizuführen. Gleichzeitig halten wir es für notwendig im Rahmen einer radikalen feministischen Gesellschaftskritik auch die Produktionsverhältnisse zu kritisieren, innerhalb derer sich das moderne Patriarchat als nützlich erwiesen und etabliert hat.

- Die Feindschaft gegenüber Homosexuellen sowie Trans- und, Inter-Personen hat als Ausgangspunkt, dass diese nicht in das sittliche Ideal passen, wie Mann und Frau zu sein haben.

- Über den Stellenwert von kulturellen Bildern und Praxen sind wir verschiedener Auffassung.

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¹ Damit soll nicht gesagt sein, dass Menschen mit dem ihnen zugeschriebenen Sozialcharakter nicht unzufrieden sein oder gar keinen Bock haben können, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Die Zuschreibung von außen ist jedoch eine, die einem_einer ungefragt widerfährt – selbst Trans_Personen, die sich bewusst gegen ihr biologisches Geschlecht entscheiden, kommen aus der staatlichen und gesellschaftlichen Einordnung in eines der beiden Geschlechter nur in Ausnahmefällen raus.

--- Staat ---
Anfang des Monats und noch immer keine Stütze auf dem Konto? Dabei hält mensch den deutschen Sozialstaat aber für gar keine so schlechte Einrichtung – vor allem im europäischen Vergleich. Was geht mit einer solchen Einrichtung einher? Die Tatsache mit dem „Existenzminimum“² ohne Job über die Runden kommen zu können oder das Gefühl tatsächlich durch die Behörden diszipliniert und sanktioniert zu werden? Staatlichkeit begegnet uns vielfach im Alltag, seien es Ämter und ihre Verwalter oder unmittelbar in der Figur des Polizisten, der dazu befugt ist gegen seine Mitmenschen Gewalt anzuwenden. Doch was genau meint Staat und Staatlichkeit in der linken Theorie, auch dort ist das Thema seit Langem heiß diskutiert.
Gegenstand unserer Betrachtung soll dabei der bürgerliche Staat sein. Damit einher geht eine bestimmte historisch gewachsene Staatsform und die Funktion des Staates als Garant der kapitalistischen Produktionsweise. Ihm kommt dabei die Rolle zu, den rechtlichen Rahmen für die einzelnen Tauschpartnern auf dem Markt zu setzen. Also zwischen Kapitalist_innen und Lohnabhängigen aber auch den in Konkurrenz zueinander stehenden Einzelkapitalen. Durch die rechtliche Setzung des Eigentums kommt zu Gegensätzen in der Gesellschaft – deutlich sichtbar an Besitzenden und Nichtbesitzenden. Als Eigner des Gewaltmonopols soll er zwischen diesen gegensätzlichen Interessen schlichten und richten, um den Kreislauf der Produktion und die Reproduktion zu sichern.

Mit dieser kurzen These möchten wir Behauptungen entgegentreten, der Staat sei einem Naturzustand des Menschen geschuldet oder als ahistorische Konstante zu betrachten und würde auf einem allgemeinen Gesellschaftsvertrag fußen – wie dies bürgerliche Ideolog_innen behaupten. Auch den verbreiteten linken Vorstellungen vom Staat als neutraler Instanz auf dessen Übernahme hinzuarbeiten sei oder als direktes Werkzeug der Bourgeoisie soll kritisch begegnet werden. Wir vertreten die Auffassung, dass Staat und Kapital gemeinsam aufgehoben werden müssen.

Der Staat garantiert die Freiheit der Einzelnen, das bedeutet, dass niemand zur Arbeit gezwungen werden darf, dennoch hält uns der stumme Zwang der Verhältnisse dazu an uns mit Lohnarbeit zu verdingen. Gewisse Bedingungen in Hinsicht auf Arbeit und Einkommen dürfen um des sozialen Friedens willen jedoch nicht unterschritten werden. Zur Freiheit gehört daher, dass es ein Recht für alle gibt, das bedeutet die Gleichheit vor dem Gesetz. Diese hat aber konkrete Ungleichheit zur Folge, so ist es dem Reichen wie dem Armen verboten unter der Brücke zu schlafen.

Mit der Festlegung allgemeingültiger Gesetzte und deren Durchsetzung – notfalls mit Gewalt – festigt der Staat seine Existenz und macht seine Satzung alternativlos. Denn kämen Menschen und Natur durch wirtschaftliche Ausbeutung zu stark zu schaden, würde dies über kurz oder lang einen katastrophalen Zusammenbruch der Gesellschaft, wie wir sie bisher kennen, zur Folge haben. Eine sicherlich wenig erquickliche Vorstellung. Der Staat richtet die Verhältnisse damit so ein, dass die Kapitalakkumulation auf lange Zeit gesichert ist, um sein eigenes Bestehen zu garantieren, seine Finanzierung bestreitet er dabei aus Steuergeldern. Er handelt somit im Gesamtinteresse des Kapitals nicht aber unbedingt im Interesse einzelner Unternehmer_innen.

Nur kurz soll hier darauf verwiesen werden, dass sich Staaten auch untereinander in ständiger Konkurrenz befinden und zur Durchsetzung nationaler Interessen imperialistische Programme fahren. Dies kann wie gegenwärtig in der EU zu beobachten ist durchs rigorose Diktat einer Sparpolitik geschehen, um die eigene wirtschaftliche Vormachtstellung zu sichern, wie dies Deutschland gegenüber dem Rest der EU – vor allem aber an Griechenland – vollzieht. Es kann aber letzten Endes durch offenen Krieg entschieden werden, eine Tatsache die man sich 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg – der sogenannten „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ – immer wieder bewusst machen sollte. Die Möglichkeit Konflikte zwischen Staaten kriegerisch zu lösen ist ständiger Begleiter der Geschichte, so führt Deutschland auch heute unterschiedlichsten Orten dieser Welt Bundeswehreinsätze durch – sei es zur Sicherung seiner Grenzen oder der Garantie des ökonomischen Vorteiles.

Darüber hinaus wird die Frage relevant, wie sich eine solch monströse Institution wie der Staat überhaupt bilden konnte und warum sein Fortbestehen in den Köpfen der Menschen als nationalistische Ideologie so wirkmächtig ist, dass sie sich kaum eine andere Organisationsform der Gesellschaft vorstellen mögen. In diesem Sinne wäre mit Eugen Paschukanis³ zu fragen:
„Warum bleibt die Klassenherrschaft nicht das,was sie ist, d.h. die faktische Unterwerfung eines Teiles der Bevölkerung unter die andere? Warum nimmt sie die Form einer offiziellen staatlichen Herrschaft an,oder – was dasselbe ist – warum wird der Apparat des staatlichen Zwanges nicht als privater Apparat der herrschenden Klasse geschaffen, warum spaltet er sich von der letzteren ab und nimmt die Form eines unpersönlichen, von der Gesellschaft losgelösten Apparates der öffentlichen Macht an?“

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² Von Existenzminimum kann nicht mal die Rede sein, der deutsche Staat fällt mit „Hartz IV“ noch unter die selbstdefinierte Pfändungsgrenze von 1080 Euro im Monat. Vgl: https://de.wikipedia.org/wiki/Pfändungstabelle

³ Eugen Paschukanis: Allgemeinene Rechtslehre und Marxismus, siehe online: http://kommunismus.narod.ru/knigi/pdf/Eugen_Paschukanis_-_Allgemeine_Rechtslehre_und_Marxismus.pdf

--- Kapitalismus ---
Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das der Bedürfnisbefriedigung sehr vieler Leute entgegensteht. Das materielle und auch viel psychisches Leid in dieser Gesellschaft ist kein „Fehler“ und auch kein „Versagen“ des Systems oder einzelner Akteur_innen, sondern notwendige Folge, warum und wie gewirtschaftet wird.
Auch die immer wiederkehrenden kapitalistischen Krisen sind nicht die Schuld einzelner Akteure, geschweige denn Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus vor dem Zusammenbruch steht, sondern lediglich eine notwendige Begleiterscheinung der kapitalistischen Ökonomie.

Die Verteilung & Verwendung der Einkommen ist wesentlich bestimmt durch die Regeln der kapitalistischen Produktionsweise. Diese erklären wir uns wir folgt:
„Kapital“ nennt Marx den Prozess der Verwertung des Werts. Zweck des Kapitals wiederum ist es, Profit zu erwirtschaften. Die privaten Konsumausgaben der Kapitalist_innen mögen für diese subjektiv den Grund ihrer Investitionstätigkeit darstellen – um sich als Unternehmer in der Konkurrenz zu bewähren, müssen Profite aber weitgehend reinvestiert werden. Damit wird das Erwirtschaften von Profiten zugleich zum Sachzwang für Kapitalist_innen.
In dieser Rechnung kommen die beiden Quellen des Reichtums – Natur und Arbeit – als Kostenfaktor vor, und werden deshalb vom Kapital auch notwendig beschädigt.

Der Arbeitslohn ist für die Mehrheit der Menschen Haupteinkommen (Arbeitnehmer) bzw. zentraler Bezugspunkt (Lohnersatzleistungen: Arbeitslosen / Krankengeld; Rente). Die Höhe des Arbeitslohns beträgt – bis auf Ausnahmen – bestenfalls die Kosten für den Lebensunterhalt. Der Lohn selbst, ist dauerhaft niedrig, weil
a) er in der Kalkulation der Lohnzahlenden Unternehmer als zu minimierender Kostenfaktor vorkommt und
b) die Masse der Arbeiter*innen getrennt sind von den Produktionsmitteln, weswegen sie auf Arbeitsplätze von Unternehmen angewiesen sind.

Weiterhin ist der alternative Einsatz des Lohnes mittels veränderter Konsumentscheidungen kein Mittel, die Gründe für schlechte Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne und Umweltverschmutzung zu beseitigen. Mit seinem Lohn kann man nämlich nur Produkte kaufen, die Unternehmen vorher unter ihrer Spekulation auf Profit hergestellt haben. Und dieses Verhältnis lässt sich als Konsument nicht auflösen.

Weiterer Grundsatz des Kapitalismus ist das sich Gegenüberstehen zweier Klassen. Weil sich in der Frage der Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen sich ausschließende Interessen gegenüberstehen und Arbeiter_innen und Kapitalist_innen gleichzeitig aufeinander angewiesen sind, gibt es hier keine Auflösung des Gegensatzes, sondern einen beständigen Kampf der Interessen (ökonomischer Klassenkampf).

Auch Zins & Kredit sind notwendige Bestandteile des entwickelten Kapitalismus. Kredit ermöglicht dem produzierenden und dem Handels-Kapital als lohnend erachtete Investitionen zu tätigen, noch bevor die dafür notwendigen Mittel in Form von Gewinn erwirtschaftet sind.
Sie tun dies in der Spekulation darauf, dass der zusätzliche Gewinn die Kosten für den Zins übersteigt. Banken wollen aber nicht einfach funktional für das Profitinteresse der Unternehmen sein, sondern den Bedarf nach Kredit benutzen, um selbst damit Gewinn zu erzielen. Sie spekulieren also im Fall von Unternehmenskrediten darauf, dass die Spekulation der kreditierten Unternehmen in der Masse aufgehen. Banken und produzierende Unternehmen verfolgen also den gleichen Zweck: Kapitalvermehrung.